{"id":36,"date":"2017-09-17T10:13:00","date_gmt":"2017-09-17T08:13:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wp13410784.server-he.de\/?p=36"},"modified":"2020-12-21T11:38:43","modified_gmt":"2020-12-21T09:38:43","slug":"schlafende-sonne-von-thomas-lehr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ktinka.com\/?p=36","title":{"rendered":"Schlafende Sonne von Thomas Lehr"},"content":{"rendered":"<div class=\"intro\" style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\n<div class=\"separator\" style=\"clear: both; text-align: center;\"><\/div>\n<p>\u00bb<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>\u00ab von\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Thomas Lehr<\/strong>\u00a0ist kein Buch f\u00fcr den Urlaub, kein Buch, das man vor dem Einschlafen liest und erst recht kein Buch f\u00fcr Zwischendurch. \u00bb<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>\u00ab ist mehr als anspruchsvoll, es ist abstrakt und eine Willensanstrengung f\u00fcr den Leser. Und dennoch: Kauft dieses Buch! Es besitzt Qualit\u00e4ten, die durchaus rar sind. Um den Literaturkritiker Thomasz Kurianowicz (DIE ZEIT) zu zitieren: \u201eThomas Lehrs Roman ist Literatur.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span class=\"dropcap\" style=\"box-sizing: inherit;\">D<\/span>ie Rezensionen im deutschen Feuilleton und die Lesermeinungen zu Thomas Lehrs neuem Roman\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>, der auf der Shortlist f\u00fcr den diesj\u00e4hrigen\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\"><a style=\"box-sizing: inherit; color: #f5c7b8; text-decoration: none; transition: all 0.1s ease-in-out;\" title=\"Deutscher Buchpreis Website\" href=\"https:\/\/www.deutscher-buchpreis.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Deutschen Buchpreis<\/a><\/strong>\u00a0steht, stehen sich diametral gegen\u00fcber. Epochal, so die Meinung der einen. Unlesbar, so die Meinung der anderen. Mit Spannung und mit ein wenig Furcht habe ich mich an die Lekt\u00fcre gemacht und binnen weniger Minuten begann mein Kopf zu schwirren.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Man kann sicherlich viele Vergleiche und Metaphern bem\u00fchen, um\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Thomas Lehrs<\/strong>\u00a0Roman zu beschreiben. Ich bem\u00fche dieses Bild: Eine Frau, zwei M\u00e4nner. Ein Beziehungsgeflecht. Das sind die Figuren, die in einer kleinen Schneekugel stecken. Der Autor sch\u00fcttelt die Schneekugel kr\u00e4ftig, die Figuren sind kaum mehr zu erkennen und herabrieseln funkelnde, erz\u00e4hlerische Versatzst\u00fccke, die inhaltlich das gesamte vergangene Jahrhundert umfassen.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><strong style=\"box-sizing: inherit;\">Thomas Lehr<\/strong>\u00a0ist Naturwissenschaftler und \u2013 das wird schon nach wenigen Seiten deutlich \u2013 ein ausgesprochen kluger Kopf und ein gro\u00dfer Erz\u00e4hler. Es gibt immer wieder Passagen in\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>, in denen ich mich \u2013 im positiven Sinne \u2013 in der Erz\u00e4hlung verloren habe. Jedoch: Es gab auch sehr, sehr viele Momente, in denen ich die Erz\u00e4hlung verloren habe. Immer dann, wenn die Erz\u00e4hlung wieder ins Abstrakte abgleitete und ich mit jedem Wort, das ich las, den Halt weiter verlor, wurde ich nachgerade ein wenig w\u00fctend. \u201eEs war doch gerade so sch\u00f6n\u201c, h\u00e4tte ich\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Thomas Lehr<\/strong>\u00a0anbr\u00fcllen m\u00f6gen.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Diese Passagen sind sprachlich wundersch\u00f6n, die Worte stehen in Harmonie zueinander. Ein Satz reiht sich perfekt an den n\u00e4chsten Satz. Inhaltlich jedoch sind diese Passagen von einer Unsch\u00e4rfe, die es mir extrem schwer gemacht hat eine Handlung auszumachen oder auch nur zu folgen. Nach wenigen Seiten Lekt\u00fcre habe ich mich mit einem Bleistift in der Hand wiedergefunden. Wort f\u00fcr Wort, Zeile f\u00fcr Zeile nachzeichnend. Liest man\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>\u00a0laut, wird es (ein ganz bisschen) einfacher, vor allem aber offenbart sich dann die Sch\u00f6nheit von Lehrs kluger und klarer Sprache, die dennoch poetisch ist.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>\u00a0ist nicht \u2013 wie in vielen Kommentaren zu lesen \u2013 unlesbar. Der Roman ist lesbar, jedoch erfordert er eine enorme Aufmerksamkeit und \u2013 in meinem Fall \u2013 die ein oder andere \u201eWas ist \u2026\u201c-Frage an Google.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Das Kapitel 5., das den Titel\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">KAISERPANORAMA \/ BLUT UND EISEN<\/strong>\u00a0tr\u00e4gt, habe ich dreimal gelesen. Sehr genau gelesen. Ich las und staunte. Dennoch muss ich gestehen: Ich habe es noch immer nicht in G\u00e4nze verstanden. Das Kapitel erscheint wie ein abstrahierter Bewusstseinstrom. Ich liebe Literatur, die die formalen M\u00f6glichkeiten des Erz\u00e4hlens auslotet. Ich w\u00fcrde darauf wetten, dass in den n\u00e4chsten Monaten und Jahren diverse Arbeiten an deutschen Universit\u00e4ten \u00fcber\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>\u00a0geschrieben werden. Gleichzeitig verstehe ich aber auch, dass Menschen, die bei formalen literarischen Kinkerlitzchen nicht in Verz\u00fcckung geraten, Lehrs W\u00e4lzer (welcher noch dazu der erste Teil einer Trilogie sein soll) gegen die Wand donnern m\u00f6chten.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Was f\u00fcr einen Raum hat Lehr in diesem Kapitel (und in diesem Roman) geschaffen? Hat er nicht vielmehr einen Nichtraum geschaffen? \u201eIst Kunst ein Zur\u00fcckgehen.\u201c, fragt der Text (und fragt nicht siehe die Interpunktion!). Immer wieder geht es zur\u00fcck in\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>. In Kapitel 5 zur\u00fcck in die Zeit, in der Deutschland noch einen Kaiser hatte. Zur\u00fcck in die Vergangenheit, durch die Erinnerung an Bilder:<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">\u201eDu schlie\u00dft die Augen, als w\u00e4re das noch n\u00f6tig,<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">als hieltest du sie nicht seit Jahren geschlossen,<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">und fragst dich, woher all das Licht in deinem Kopf.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">Das Licht und die Magazine (so hie\u00df es, wie bei Waffen) von Bildern,<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">stereoskopischen Aufnahmen, Glasplatten,<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">bemalt und koloriert von Hunderten verzweifelter Tr\u00e4ume.\u201c<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Das Kaiserpanorama. (Eine Frage f\u00fcr Google.) Eine Art \u201eDiaprojektor\u201c, der Bilder schon damals, Anfang des vergangenen Jahrhunderts, dreidimensional darstellen konnte, eine gro\u00dfe Sensation war und sich gro\u00dfer Beliebtheit erfreute. Lehr entfaltet daraus einen Bewusstseinsstrom, dem ich manchmal besser, manchmal schlechter folgen konnte.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Um auf die Qualit\u00e4ten des Buches zur\u00fcckzukommen, die Lehrs Roman ohne Zweifel besitzt, zu ihnen z\u00e4hlen: Lehrs Sprachgewalt. Sein Wissen. Und schlie\u00dflich auch sein Mut, ein solches Buch zu schreiben. (Und der Mut des Hanser Verlags ein solches Buch zu ver\u00f6ffentlichen.)<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Gro\u00dfe Romane haben ihre Zeitgenossen immer ge- und manchmal auch \u00fcberfordert. Man denke an Marcel Proust, der, wie gerade in den Zeitungen zu lesen war, gutes Geld f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung positiver Rezensionen seines Romans \u201eIn Swanns Welt\u201c zahlte und diese dann auch gleich selbst verfasste. Auch sein Werk \u2013 verlegt auf eigene Kosten \u2013 galt als \u201eunlesbar\u201c. Was ist mit James Joyce? Selbst \u201eMadame Bovary\u201c von Flaubert war ein Schock f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Leser.\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Schlafende Sonne<\/strong>\u00a0ist eine Herausforderung. Und es will eine Herausforderung sein. Vielleicht \u2013 die Zeit wird es zeigen \u2013 wird auch Lehrs Roman ein solch epochales Werk, das ein neues Genre begr\u00fcndet. Wir werden sehen. Literatur ist eben auch eine Kunstform. Und kein reines Konsumprodukt. Ich bin gespannt, ob Lehr den Deutschen Buchpreis gewinnen wird!<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><strong style=\"box-sizing: inherit;\">SCHLAFENDE SONNE<\/strong>\u00a0von\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">THOMAS LEHR<\/strong><br \/>\nHanser Verlag. 612 Seiten. 28 Euro.<br \/>\nGebunden mit Schutzumschlag.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">Vielen Dank an den\u00a0<b style=\"box-sizing: inherit;\">Hanser Verlag<\/b>\u00a0f\u00fcr das Rezensionsexemplar!<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbSchlafende Sonne\u00ab von\u00a0Thomas Lehr\u00a0ist kein Buch f\u00fcr den Urlaub, kein Buch, das man vor dem Einschlafen liest und erst recht kein Buch f\u00fcr Zwischendurch. \u00bbSchlafende Sonne\u00ab ist mehr als anspruchsvoll, es ist abstrakt und eine Willensanstrengung f\u00fcr den Leser. 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