{"id":19,"date":"2018-03-27T08:57:00","date_gmt":"2018-03-27T06:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wp13410784.server-he.de\/?p=19"},"modified":"2020-12-21T11:42:15","modified_gmt":"2020-12-21T09:42:15","slug":"leinsee-von-anne-reinecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ktinka.com\/?p=19","title":{"rendered":"Leinsee von Anne Reinecke"},"content":{"rendered":"<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\n<p><span style=\"font-family: inherit;\">Liebe Literaturkritiker, habt ihr Anne Reineckes \u00bb<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Leinsee<\/strong>\u00ab nicht gelesen? Bisher keine Rezensionen in den gro\u00dfen Feuilletons. DIE ZEIT schweigt, die FAZ tut es ihr gleich. Auch die Stichwortsuche bei Perlentaucher f\u00fchrte ins Leere. Lasst es euch gesagt sein, liebe Feuilletonisten: Ihr habt etwas verpasst!<\/span><\/p>\n<\/div>\n<h2 style=\"box-sizing: inherit; clear: both; color: #333333; font-size: 35px; font-weight: 400; letter-spacing: 0px; line-height: 1; margin: 0px 0px 0.3em; padding-top: 2px;\"><span style=\"font-family: inherit;\"><span id=\"more-1089\" style=\"box-sizing: inherit;\"><\/span>Ein literarisches Deb\u00fct: Leinsee von Anne Reinecke<\/span><\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">\u00bbDieses Gelb war unangemessen. Woher die Farbe kam, konnte Karl sich nicht erkl\u00e4ren. Soweit er sich erinnerte, hatte er nichts Gelbes gegessen. Seit zwanzig Minuten kotzte er sich \u2013 ja, was eigentlich \u2013 aus dem Leib.\u00ab Mit diesen Zeilen beginnt&nbsp;<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Leinsee<\/strong>.&nbsp;<span style=\"box-sizing: inherit; font-style: italic;\">Kotzte<\/span>. Uff. Gossensprache. H\u00e4tte ich diese ersten Zeilen in der Buchhandlung gelesen, h\u00e4tte ich das Buch zugeklappt und zur\u00fcck ins Regal gestellt. Gossensprache in der Literatur. Ich weigere mich. Meist.&nbsp;<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Leinsee<\/strong>&nbsp;las ich jedoch nicht in der Buchhandlung, sondern auf dem heimischen Sofa, lange vor dem offiziellen Erscheinungstermin, als Leseexemplar. Privileg der Buchh\u00e4ndler, Journalisten und Buchblogger.<\/span><\/div>\n<h2 style=\"box-sizing: inherit; clear: both; color: #333333; font-size: 35px; font-weight: 400; letter-spacing: 0px; line-height: 1; margin: 0px 0px 0.3em; padding-top: 2px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Kanarienvogelgelb und silbern; Unsichtbar und rot<\/span><\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Anne Reinecke erz\u00e4hlt in<strong style=\"box-sizing: inherit;\">&nbsp;Leinsee<\/strong>&nbsp;erz\u00e4hlt von Karl Stiegenhauer. Karl ist noch keine 30 Jahre alt und schon als K\u00fcnstler erfolgreich. In Berlin hat er sich einen Namen gemacht. Ganz unabh\u00e4ngig von seinen Eltern, dem ber\u00fchmten K\u00fcnstler(ehe)paar Ada und August Stiegenhauer. Zu Beginn von&nbsp;<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Leinsee<\/strong>&nbsp;ist der Vater tot, die Mutter schwer krank. Ihr Leben h\u00e4ngt&nbsp;sprichw\u00f6rtlich&nbsp;am seidenen Faden. Und Karl? Dessen Leben ger\u00e4t aus den Fugen.<\/span><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Vielleicht liegt es an dem Ausgangsdrama, dass mich die Gossensprache&nbsp;in&nbsp;<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Leinsee<\/strong>&nbsp;gar nicht st\u00f6rte. So wenig, wie bei Helmut Schmidt, der einmal sagte, der Krieg sei eine gro\u00dfe Schei\u00dfe gewesen. Der gro\u00dfe Rhetoriker h\u00e4tte es nicht besser formulieren k\u00f6nnen. Und das elende Paar, das Krankheit und Tod hei\u00dft? Das ist zum Kotzen. Schlicht und einfach.<\/span><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Karl ist \u00fcberfordert. Mit allem. Der Tod des Vaters, die Umst\u00e4nde seines Todes. Die Krankheit der Mutter. Die Vergangenheit. Die Gegenwart. Das k\u00fcnstlerische Erbe. Die eigene Zukunft.&nbsp;Dennoch ist<strong style=\"box-sizing: inherit;\">&nbsp;Leinsee<\/strong>&nbsp;ein Buch, in das ich wohlig versunken bin. Reinecke erz\u00e4hlt klar, aber auch poetisch. Nicht so \u201ehard and clear\u201c, wie Hemingway es forderte. Aber definitiv \u201eabout what hurts.\u201c<\/span><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Die Figuren, man mag sie. Alle, mit nur wenigen Ausnahmen. Und die, die man nicht mag, die mag man aus gutem Grund nicht. Die Tonart jeder Figur ist wunderbar getroffen. Wenn die Schicksalsgemeinschaft bei Kaffee und Kuchen im Garten der elterlichen Villa am See sitzt, dann m\u00f6chte man sich am liebsten dazusetzen.<\/span><\/div>\n<h2 style=\"box-sizing: inherit; clear: both; color: #333333; font-size: 35px; font-weight: 400; letter-spacing: 0px; line-height: 1; margin: 0px 0px 0.3em; padding-top: 2px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Makromodus: Wie durch ein Opernglas \u2026<\/span><\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Jedes Kapitel in Leinsee tr\u00e4gt eine oder mehrere Farben als Titel. Grauseiden. Lachsorange. Universumsblau. Farben, die dem K\u00fcnstler Karl Stiegenhauer in dem jeweiligen Kapitel ins Auge gefallen sind, die treffend etwas beschreiben. Wie durch einen T\u00fcrspalt schaut der Leser hinein in die Welt eines Menschen, der, als K\u00fcnstler, in Formen und Farben denkt.&nbsp;Die Geschichte, die Reinecke erz\u00e4hlt, erstreckt sich \u00fcber mehrere Jahre und ist g\u00e4nzlich aus der Perspektive von Karl erz\u00e4hlt. Der Tod der Eltern, der schwierige Vergangenheit und der Schmerz, der einem manchmal die Luft zum Atmen zu nehmen scheint, nehmen einen gro\u00dfen Raum ein in&nbsp;<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Leinsee<\/strong>&nbsp;und sind dabei wunderbar ge- und beschrieben. Anne Reinecke findet eine Erz\u00e4hlmelodie, die mich verzaubert hat.<\/span><\/div>\n<h2 style=\"box-sizing: inherit; clear: both; color: #333333; font-size: 35px; font-weight: 400; letter-spacing: 0px; line-height: 1; margin: 0px 0px 0.3em; padding-top: 2px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Die Liebe<\/span><\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Neben aller Trauer ist<strong style=\"box-sizing: inherit;\">&nbsp;Leinsee<\/strong>&nbsp;aber auch eine Geschichte \u00fcber Liebe, mehrere Geschichten \u00fcber Liebe eigentlich. Ada und August Stiegenhauer hatten eine gro\u00dfe Liebe. An einer Stelle hei\u00dft es: \u00bbEr wandte sich Ada zu und sollte sich nie wieder abwenden.\u00ab Mein Herz machte einen H\u00fcpfer als ich diese Formulierung las. Eine Beschreibung von Liebe ohne Adjektive, ohne Metaphern, ohne all die Dinge, welche sonst gerne bem\u00fcht werden. Kein \u201epochendes Herz\u201c, kein \u201eschneller Atem\u201c. Nur eine Bewegung und dann die Ewigkeit.<\/span><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Und Karl? Wie ist es, das Kind von zweien zu sein, die sich selbst immer genug waren? Die Stiegenhauers vertraten eine unkonventionelle Idee von Elternsein. Karl, das erf\u00e4hrt der Leser, litt. Die gro\u00dfe Trag\u00f6die, in der die Liebe der Eltern endet, bietet Karl jedoch die M\u00f6glichkeit des Verstehen. Und des Vergebens.&nbsp;Und dann ist da noch&nbsp;Tanja. Mitten in der schweren Zeit findet das Kind seinen Weg hinein in das Leben von Karl. Tanja und Karl sind \u2013 trotz zweistelligem Altersunterschied \u2013 Seelenverwandte, sie treffen sich auf einer spielerischen Ebene, auf einer Ebene vielleicht zwischen Kindlichkeit und der Kunst.<\/span><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Ein wirklich wunderbares Buch. Wie ich bereits vor einigen Wochen auf&nbsp;<a style=\"box-sizing: inherit; color: #f5c7b8; font-weight: bold; text-decoration: none; transition: all 0.1s ease-in-out;\" href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Bf2n5lDjWcQ\/?taken-by=ktxnka\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Instagram&nbsp;<\/a>bemerkte: Ich bin verliebt in die Villa am Leinsee, ein wenig in Karl und ganz arg in dieses Buch.<\/span><\/div>\n<h2 style=\"box-sizing: inherit; clear: both; color: #333333; font-size: 35px; font-weight: 400; letter-spacing: 0px; line-height: 1; margin: 0px 0px 0.3em; padding-top: 2px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">\u00dcber die Autorin<\/span><\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Anne Reinecke studierte Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur und arbeitet als Stadtf\u00fchrerin.&nbsp;<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Leinsee<\/strong>&nbsp;ist ihr Deb\u00fct und f\u00fcr das Manuskript wurde sie mit dem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin.<\/span><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span style=\"font-family: inherit;\"><strong style=\"box-sizing: inherit;\">LEINSEE<\/strong>&nbsp;von&nbsp;<strong style=\"box-sizing: inherit;\">ANNE REINECKE<\/strong><br style=\"box-sizing: inherit;\">Diogenes Verlag. 368 Seiten. 24 Euro.<br style=\"box-sizing: inherit;\">Leinenband mit Schutzumschlag.<\/span><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px; text-align: center;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Vielen Dank an den Diogenes Verlag f\u00fcr das Rezensionsexemplar.<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Literaturkritiker, habt ihr Anne Reineckes \u00bbLeinsee\u00ab nicht gelesen? 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