{"id":264,"date":"2021-05-16T17:27:56","date_gmt":"2021-05-16T15:27:56","guid":{"rendered":"http:\/\/ktinka.com\/?p=264"},"modified":"2021-05-16T17:27:59","modified_gmt":"2021-05-16T15:27:59","slug":"in-aller-kuerze-ferrante-louis-und-slimani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ktinka.com\/?p=264","title":{"rendered":"In aller K\u00fcrze: Ferrante, Louis und Slimani"},"content":{"rendered":"\n<p>Ob <em>Ad\u00e8le<\/em>, <em>Das Ende von Eddy<\/em> und <em>Tage es Verlassenwerdens<\/em> eine solche Wirkung bei den Lesenden entfalten\/hervorruefen, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden, doch sicher ist, dass alle drei Erz\u00e4hlungen hinab f\u00fchren in dunkle Abgr\u00fcnde der menschlichen Existenz und diese schonungslos ausleuchten. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tage des Verlassenwerdens von Elena Ferrante (Suhrkamp)*<\/h2>\n\n\n\n<p>Bereits der erste Absatz von Elena Ferrantes <em>Tage des Verlassenwerdens<\/em> ist an Intensit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten. Olga, ihres Zeichens Schriftstellerin, berichtet: &#8222;An einem Nachmittag im April verk\u00fcndete mir mein Mann kurz nach dem Mittagessen, dass er mich verlassen wolle.&#8220; Mitten hinein in die heimelige Atmosph\u00e4re eines Nachmittags platzt die Bombe. &#8222;Verk\u00fcndet&#8220;, schreibt die Erz\u00e4hlerin, das meint: Gegenrede unerw\u00fcnscht.  &#8222;Dann \u00fcbernahm er die volle Verantwortung f\u00fcr alles, zog behutsam die Wohnungst\u00fcr hinter sich zu und lie\u00df mich versteinert neben der Sp\u00fcle zur\u00fcck.&#8220; Olga ist nicht nur \u00fcberrascht von den Worten ihres Mannes, sie ist &#8222;versteinert&#8220;, derart vor vollendete Tatsachen gestellt, bleibt sie &#8211; 38 Jahre alt und Mutter zweier Kinder &#8211; neben der Sp\u00fcle zur\u00fcck, in der K\u00fcche, dem Mittelpunkt eines jeden Haushalts, inmitten aller Verpflichtungen. <\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e4glich werden Scheidungen vor Gericht vollzogen. Trennungen geschehen jeden Tag. Die meisten Menschen gehen, nach einer Phase des Schmerzes, gesund (und munter) aus ihnen hervor. Andere zerbrechen daran. Das Motiv der liebenden Frau, die, nachdem ihr Liebhaber sie verlassen hat, ihre psychische Gesundheit einb\u00fc\u00dft, taucht bereits in Elena Ferrantes <em><a href=\"http:\/\/ktinka.com\/?p=18\">Neapolitanischen Saga<\/a><\/em> auf.  Olga wird zur Grenzg\u00e4ngerin zwischen Klarheit und Wahnsinn. Ferrante gelingt es, die ersten z\u00e4hen Stunden und Tage, die auf den Schock folgen, so literarisch brillant wie intensiv darzustellen. &#8222;Ferrante turns ordin\u00e4r domestic misery into an expressionistic hell&#8220;, schreibt James Wood in einer Rezension des Romans im New Yorker. <\/p>\n\n\n\n<p>In Italien erschien <em>Tage des Verlassenwerdens<\/em> bereits im Jahr 2002, nun endlich liegt der Roman, von Anja Natteford \u00fcbersetzt, in deutscher Sprache im Suhrkamp Verlag vor. <\/p>\n\n\n\n<p>*Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag f\u00fcr das Rezensionsexemplar<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Ende von Eddy &#8211; \u00c9douard Louis (Fischer Verlag)<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00c9douard Louis kann schreiben. Seine B\u00fccher erinnern an das, was Literatur leisten kann: Aufmerksam machen. In diesem Fall: Salz in die Wunde streuen. <em>Das Ende von Eddy<\/em> ist ein wichtiges Buch, denn es schmerzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit gro\u00dfer Schonungslosigkeit berichtet \u00c9douard Louis in <em>Das Ende von Eddy<\/em> von seiner Kindheit als Eddy Bellegueule in der nordfranz\u00f6sischen Provinz und seiner Verwandlung zu dem, der er heute ist: dem Pariser Schriftsteller \u00c9douard Louis. Louis ist studierter Soziologe (Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie sind enge Freunde) und thematisiert in seinem Erstling die Erfahrungen eines homosexuellen Jungen mit Diskriminierung, Mobbing und Gewalt in einem abgeschiedenen Dorf, das \u00fcberall auf der Welt liegen k\u00f6nnte.  Mit professioneller Distanz zeigt Louis soziale Mechanismen auf, doch die innere Zerrissenheit eines solchen Kindes, schildert nicht der Wissenschaftler, sondern der Mensch.  &#8222;I don&#8217;t mean to say that I never, in all of those years, felt any happiness or joy. But suffering is all-consuming: it somehow gets rid of anything that doesn&#8217;t fit into its system.&#8220;, hei\u00dft es fr\u00fch im Roman.  Direkt und mitunter hart beschreibt Louis wie Eddy von Mitsch\u00fclern drangsaliert wird. Nicht hineinpasst, nicht in die Dorfgemeinschaft, nicht in die Schule, nicht einmal in sein Elternhaus. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/ktinka.com\/?p=21\"><em>Im Herzen der Gewalt<\/em><\/a> von Louis ist ein gro\u00dfartiger &#8211; in Deutschland zuerst erschienen &#8211; Roman. Das Ende von Eddy gewisserma\u00dfen sein Prolog. <br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ad\u00e8le von Le\u00efla Slimani (Faber &amp; Faber) <\/h2>\n\n\n\n<p>Ad\u00e8le hat alles, was das Herz begehrt. Sie ist eine talentierte, erfolgreiche Journalistin, verheiratet mit einem ebenso erfolgreichen Chirurgen. Gemeinsam leben sie in einem wohlhabenden Viertel in Paris, haben einen kleinen Sohn. Urlaube, Wochenenden am Meer. Am Ende von Slimanis eindringlichem Roman steht Ad\u00e8le am Abgrund, der sie sprichw\u00f6rtlich zu verschlingen droht. <em>All das zu verlieren<\/em> hei\u00dft dann auch die deutsche Ausgabe des Romans. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Ad\u00e8le<\/em>, der zweite Roman der marokkanisch-franz\u00f6sischen Schriftstellerin Le\u00efla Slimani, thematisiert erneut Desillusionierung, Obsession und Untergang. Slimani f\u00fchrt vor, wie die Nymphomanie ihrer Protagonistin nicht nur deren Leben, sondern auch das der Menschen in ihrem Umfeld zu zerst\u00f6ren droht. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Ad\u00e8le, Das Ende von Eddy und Tage es Verlassenwerdens eine solche Wirkung bei den Lesenden entfalten\/hervorruefen, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden, doch sicher ist, dass alle drei Erz\u00e4hlungen hinab f\u00fchren in dunkle Abgr\u00fcnde der menschlichen Existenz und diese schonungslos ausleuchten. Tage des Verlassenwerdens&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":272,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/264"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=264"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/264\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":391,"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/264\/revisions\/391"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/272"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=264"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ktinka.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}