{"id":33,"date":"2017-09-25T10:11:00","date_gmt":"2017-09-25T08:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wp13410784.server-he.de\/?p=33"},"modified":"2020-12-21T11:40:24","modified_gmt":"2020-12-21T09:40:24","slug":"die-kieferninsel-von-marion-poschmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ktinka.com\/?p=33","title":{"rendered":"Die Kieferninsel von Marion Poschmann"},"content":{"rendered":"<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\n<div class=\"separator\" style=\"clear: both; text-align: center;\"><\/div>\n<p><span class=\"dropcap\" style=\"box-sizing: inherit;\">M<\/span>arion Poschmanns Roman \u00bb<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Die Kieferninseln<\/strong>\u00ab (Suhrkamp Verlag) hat es auf die Shortlist des diesj\u00e4hrigen Deutschen Buchpreises geschafft. Es ist der erste Roman, den ich von der diesj\u00e4hrigen Shortlist lese, aber es zeichnet sich ab: Die Jury wird es schwer haben.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Im Klappentext hei\u00dft: \u201eIm Teeland Japan mischen sich Licht und Schatten, das Freudianische \u00dcber-Ich und die dunklen G\u00f6tter des Shintoismus. Und die alte Frage wird neu gestellt: Ist das Leben am Ende ein Traum?\u201c Treffend! Aber keine Bange: Wer will, kann unendliche viele Fragen an\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\"><a style=\"box-sizing: inherit; color: #f5c7b8; text-decoration: none; transition: all 0.1s ease-in-out;\" title=\"Marion Poschmanns 'Die Kieferninseln' auf Suhrkamp.de\" href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/die_kieferninseln-marion_poschmann_42760.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Die Kieferninseln<\/a><\/strong>\u00a0stellen. Wer das nicht m\u00f6chte, der kann Poschmanns Erz\u00e4hlung auch einfach nur genie\u00dfen. Denn, das ist sie: Ein literarischer Genuss.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Der Anfang von Marion Poschmanns Roman\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Die Kieferninseln<\/strong>, erinnert ein wenig an den weltber\u00fchmten ersten Satz von Franz Kafkas Erz\u00e4hlung \u201eDie Verwandlung\u201c, der da lautet: \u201cAls Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Tr\u00e4umen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.\u201c Bei Poschmann verwandelt sich Gilbert Silvester, so der Name ihres Protagonisten, nicht in ein Insekt, jedoch erwacht Gilbert aus einem Traum mit der festen \u00dcberzeugung seine Frau Mathilda der Untreue \u00fcberf\u00fchrt zu haben: \u201eEr hatte getr\u00e4umt, da\u00df seine Frau ihn betrog. Gilbert Silvester erwachte und war au\u00dfer sich.\u201c<\/div>\n<h2>Die Kieferninseln: Traum und Wirklichkeit geraten ins Wanken<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Gilbert, seines Zeichens Privatdozent an einer Universit\u00e4t, recht unzufrieden mit seiner beruflichen Situation, nimmt diesen Traum f\u00fcr bare M\u00fcnze. Die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit ger\u00e4t in\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Die Kieferninseln<\/strong>\u00a0als erstes ins Wanken. Sp\u00e4ter in der Erz\u00e4hlung gesellen sich Vergangenheit und Gegenwart, Schein und Sein zu den verlorenen Konstanten hinzu. Marion Poschmann schreibt \u00fcber einen Schwebezustand, \u00fcber ein st\u00e4ndiges dazwischen.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Gilbert findet sich, nach seiner vermeintlichen Enth\u00fcllung, deren Richtigkeit das Leugnen seiner Frau in seinen Augen nur noch eindr\u00fccklicher best\u00e4tigt, in einem Flugzeug auf dem Weg nach Tokyo, Japan wieder, in dem \u201efr\u00fcheste(n) Interkontinentalflug, den er so kurzfristig hatte buchen k\u00f6nnen.\u201c In Tokyo angekommen, kauft Gilbert sich \u201eeinen Reisef\u00fchrer und paar japanische Klassiker in englischer \u00dcbersetzung. Die Werke Bash\u014ds, das Genji Monogatari, das Kopfkissenbuch.\u201c<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Nach der n\u00e4chtlichen Lekt\u00fcre von Bash\u014ds Reisebeschreibungen im Hotel, beschlie\u00dft Gilbert seinerseits den Weg Bash\u014ds zu erkunden. Sein Ziel: Die Kieferninseln an der K\u00fcste Japans. Seine Reise innerhalb der Reise, Gilbert nennt sie \u201csein Projekt der Abwendung\u201d, unternimmt er nicht allein, sondern gemeinsam mit einem jungen Japaner, der den (unwahrscheinlichen, aber treffenden) Namen Yosa Tamagotchi tr\u00e4gt. Gilbert trifft Yosa ausgerechnet nach seinem ersten, ern\u00fcchternden Telefonat mit seiner Frau Mathilda nach seiner spontanen und \u00fcberst\u00fcrzten Abreise nach Japan. Yosa, der sich als gescheitert sieht, will sich das Leben nehmen. Fortan nimmt Gilbert Yosa unter seine Fittiche.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Tagesresttr\u00e4ume, hei\u00dft das \u2013 im Roman selbst genannte \u2013 Stichwort. Die Erz\u00e4hlung ist so unmittelbar aus der Perspekive Gilberts erz\u00e4hlt, dass alles, was irgendwie den Weg in sein Unterbewusstsein findet, auch \u2013 g\u00e4nzlich unkommentiert von einer \u00e4u\u00dferen Instanz, abgesehen von den wenigen Redeanteilen Mathildas \u2013 den Weg in die Erz\u00e4hlung findet. Was ist Realit\u00e4t? Was ist Traum? Was formt, was pr\u00e4gt die Gedanken?<\/div>\n<h2>f\u00fcnf \u2013 sieben \u2013 f\u00fcnf<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Wiederkehrend ist das Thema der japanischen Dichtkunst, insbesondere das Haiku, einer besonderen japanische Versform. Gilbert beginnt auf seiner Reise selbst zu dichten. Ein Haiku ist an eine strenge Form gebunden. Es besteht aus drei Zeilen, die erste und die letzte Zeile bestehen jeweils zwingend aus f\u00fcnf Lauteinheiten, w\u00e4hrend die mittlere Zeile zwingend aus sieben Lauteinheiten besteht.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Auf besondere Weise ist Yosa eine der sch\u00f6nsten literarischen Figuren, die mir in den letzten Monaten begegnet sind. Das ist etwas verwunderlich, denn Yosa ist eigentlich nicht besonders interessant, nicht einmal besonders sympathisch. Yosa ist eigentlich nichts. F\u00fcr die Konzeption des Romans jedoch ist er alles. Die Figur Yosa ist ein wichtiges Element zur Gestaltung der R\u00e4tselhaftigkeit, der Traumhaftigkeit, die den gesamten Roman umgibt: \u201cEr [Gilbert] lie\u00df die Schale eine Weile stehen, damit der Tee abk\u00fchlte, f\u00fchrte sie schlie\u00dflich \u00e4u\u00dferst vorsichtig zum Mund. Sein Gesicht spiegelte sich auf der Oberfl\u00e4che der Fl\u00fcssigkeit, und er sah genauer hin. Es war nicht sein Gesicht, es war Yosas Gesicht.\u201c Wer ist Yosa? Ist er ein nur Hirngespinst Gilberts? Ein Geist?<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Gilbert selbst bleibt dem Leser, trotz der perspektivischen N\u00e4he, ebenfalls seltsam fremd, was sicherlich daran liegt, dass er sich selbst fremd ist, das er sich in einer psychischen Extremsituation befindet, die ihn dazu bringt einem Traum unbedingten Glauben zu schenken und \u00fcberhastet in ein Flugzeug zu steigen um um die halbe Welt zu fliegen.<\/div>\n<h2>Die Kieferninseln: Poesie<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><strong style=\"box-sizing: inherit;\">Die Kieferninseln<\/strong>\u00a0ist so schl\u00fcssig konzipiert, so perfekt komponiert wie ein Haiku, dass ich ganz verliebt in den Roman bin. Um das Bild des Traumes, des Schlafs aufzugreifen: Poschmann erz\u00e4hlt mit schlafwandlerischer Sicherheit. Sprachlich immer sanft, einh\u00fcllend. Geradezu poetisch. Bei aller R\u00e4tselhaftigkeit ist die Erz\u00e4hlung jedoch nicht schwer, nicht dr\u00fcckend. Im Gegenteil, sie scheint zu schweben. Marion Poschmann ist eine Poetin, man merkt es an jedem Satz.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><strong style=\"box-sizing: inherit;\">DIE KIEFERNINSEL<\/strong>\u00a0von\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">MARION POSCHMANN<\/strong><br \/>\nSuhrkamp Verlag. 168 Seiten. 20 Euro.<br \/>\nGebunden mit Schutzumschlag.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">Vielen Dank an den\u00a0<b style=\"box-sizing: inherit;\">Suhrkamp Verlag<\/b>\u00a0f\u00fcr das Rezensionsexemplar!<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marion Poschmanns Roman \u00bbDie Kieferninseln\u00ab (Suhrkamp Verlag) hat es auf die Shortlist des diesj\u00e4hrigen Deutschen Buchpreises geschafft. 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