{"id":39,"date":"2017-08-27T10:18:00","date_gmt":"2017-08-27T08:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wp13410784.server-he.de\/?p=39"},"modified":"2020-12-21T11:40:00","modified_gmt":"2020-12-21T09:40:00","slug":"das-ministerium-des-aussersten-glucks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ktinka.com\/?p=39","title":{"rendered":"Das Ministerium des \u00e4ussersten Gl\u00fccks von Arundhati Roy"},"content":{"rendered":"<div class=\"intro\" style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\n<p>Der neue Roman von Arundhati Roy \u00bbDas Ministerium des \u00e4ussersten Gl\u00fccks\u00ab (S. Fischer) spielt erneut in Indien und ist so unvergesslich wie sein Vorg\u00e4nger.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">F\u00fcr Arundhati Roy bedeutete\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Der Gott der kleinen Dinge<\/strong>\u00a0den internationalen Durchbruch als Schriftstellerin. F\u00fcr den Roman erhielt die in Indien geborene Autorin 1997 den britischen Brooker Literaturpreis. Da ich das Buch vor vielen Jahren gelesen habe, ist mir kaum etwas im Ged\u00e4chtnis geblieben. Wohl aber \u2013 so abgedroschen es klingen mag \u2013 im Herzen. Ihr wisst, was ich meine: Es gibt diese besonderen B\u00fccher, die Spuren hinterlassen.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Arundhati Roys Leben selbst liest sich wie ein Roman. Sie wurde 1959 (anderen Quellen zufolge 1961) in Indien geboren, nach der Trennung ihrer Eltern wuchs sie in Kerala bei ihrer Mutter auf: \u201eIch war ein Kind, das \u00fcberall herumstreunen und stundenlang mit der Angel am Fluss sitzen durfte. Dieser Mangel an Konvention war einfach herrlich.\u201c Sechzehnj\u00e4hrig zieht sie nach Neu-Delhi und beginnt dort ein Architekturstudium. Gemeinsam mit Freunden wohnt sie in einer Wellblechh\u00fctte in einer Armenkolonie direkt neben dem College, an dem sie studiert. Arundhati Roy tr\u00e4umt nicht von einer gro\u00dfen Karriere als Architektin, ihr Traum ist die Schriftstellerei. Mit dem Erscheinen des Romans\u00a0<span style=\"box-sizing: inherit; font-style: italic;\">Der Gott der kleinen Dinge<\/span>\u00a0und dem internationalen Erfolg des Roman wird dieser Traum schlie\u00dflich Wirklichkeit. Fortan setzt Roy all ihre Kraft f\u00fcr ihr politisches und humanit\u00e4res Engagement ein. Sie schweigt nicht, sondern wird zum Sprachrohr vieler Inder. In Artikeln und Essays prangert sie Probleme und Missst\u00e4nde des Landes und der Gesellschaft an. Der Essayband\u00a0<span style=\"box-sizing: inherit; font-style: italic;\">Aus der Werkstatt der Demokratie<\/span>\u00a0ist ebenfalls im\u00a0<span style=\"box-sizing: inherit; font-style: italic;\">S. Fischer Verlag<\/span>erschienen.<\/p>\n<p>Die Arbeit an\u00a0<span style=\"box-sizing: inherit; font-style: italic;\">Das Ministerium des \u00e4ussersten Gl\u00fccks<\/span>\u00a0dauerte mehr als zehn Jahre: \u201eThe timing is astonishing \u2013 most of all to me! I could not have written it any slower or any faster than I did. I wasn\u2019t in a hurry \u2013 it just took its time, and I was alright with that.\u201c, erkl\u00e4rt Roy in einem Interview mit\u00a0<span style=\"box-sizing: inherit; font-style: italic;\">Penguin Books<\/span>, welches\u00a0<a style=\"box-sizing: inherit; color: #f5c7b8; font-weight: bold; text-decoration: none; transition: all 0.1s ease-in-out;\" href=\"https:\/\/www.penguin.co.uk\/articles\/in-conversation\/interviews\/2017\/may\/arundhati-roy\/#W1GT1Zj6SJayXgWq.99\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">hier<\/a>\u00a0in G\u00e4nze zu lesen ist.<\/p>\n<\/div>\n<h2>Anjums kleines Universum<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\n<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Das Ministerium des \u00e4ussersten Gl\u00fccks<\/strong>\u00a0ist ein wortgewaltiger Roman. Voller Tiefe, voller Sprachpoesie. Der Leser streift durch den Roman, wie durch ein verschachteltes Geb\u00e4ude mit vielen Zimmern. \u201eAuf einem Friedhof in der Altstadt von Delhi wird ein handgekn\u00fcpfter Teppich ausgerollt. Auf einem B\u00fcrgersteig taucht pl\u00f6tzlich kurz nach Mitternacht ein Baby auf. In einem verschneiten Tal schreibt ein Vater einen Brief an seine f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter \u00fcber die vielen Menschen, die zu ihrer Beerdigung kamen. In einem Zimmer im ersten Stock liest eine einsame Frau die Notizb\u00fccher ihres Geliebten. Im Jannat Guest House umarmen sich im Schlaf fest zwei Menschen, als h\u00e4tten sie sich eben erst getroffen \u2013 dabei kennen sie einander schon ein Leben lang.\u201c, hei\u00dft es im Klappentext.<\/p>\n<p>Anjum steht im Mittelpunkt. Wie die Erde um die Sonne, scheinen die Menschen um Anjum zu kreisen. Mitten in dem politischen Wirrwarr Indiens mit all seinen gesellschaftlichen und politischen Konflikten stellt Anjums kleine Pension, ihr G\u00e4stehaus mitten auf einem alten Friedhof gebaut, eine Art sichere Insel f\u00fcr die gestrandeten der Gesellschaft dar.<\/p>\n<\/div>\n<blockquote style=\"border-left-color: #dddddd; border-left-style: solid; border-left-width: 1px; box-sizing: inherit; font-family: Amiri, serif; font-size: 2.0304em; letter-spacing: 0px; line-height: 1.2; margin: 1.2em 1.5em; padding-left: 1.3em; quotes: &quot;' '&quot;;\">\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: inherit; font-size: inherit; letter-spacing: inherit; line-height: inherit; margin-bottom: 0.8em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Im Lauf der Zeit baute Anjum Zimmer um die Gr\u00e4ber ihrer Verwandten. In jedem Zimmer befand sich ein Grab (oder auch zwei) und ein Bett. Oder auch zwei. Sie baute ein seperates Badehaus und eine Toilette mit einem eigenen Kl\u00e4rbeh\u00e4lter. Wasser holte sie von der \u00f6ffentlichen Pumpe. (\u2026) Anjum begann, ein paar Zimmer an verarmte Reisende zu vermieten (Werbung erfolgte ausschlie\u00dflich \u00fcber Mundpropaganda). Es gab nicht sehr viele Interessenten, denn selbstverst\u00e4ndlich waren Lokalit\u00e4t und Umgebung, ganz zu schweigen von der Vermieterin selbst, nicht nach jedermanns Geschmack.<\/div>\n<\/blockquote>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Anjum ist eine wunderbare und vor allem au\u00dfergew\u00f6hnliche literarische Figur. Warmherzig, voller Sehnsucht. Lebensklug, aber auch verletztlich. Sie geh\u00f6rt der sozialen Gruppe der Hijra an. Als Hijras werden in Indien zumeist Hermaphroditen oder M\u00e4nner, die sich mit einer m\u00e4nnlichen Geschlechtsposition nicht identifizieren k\u00f6nnen, bezeichnet. Sie pr\u00e4sentieren sich weiblich, sie tragen Saris und nehmen Frauennamen an. Anjum lebt ihre ersten Lebensjahre als langersehnter kleiner Junge Aftab:<\/div>\n<blockquote style=\"border-left-color: #dddddd; border-left-style: solid; border-left-width: 1px; box-sizing: inherit; font-family: Amiri, serif; font-size: 2.0304em; letter-spacing: 0px; line-height: 1.2; margin: 1.2em 1.5em; padding-left: 1.3em; quotes: &quot;' '&quot;;\">\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: inherit; font-size: inherit; letter-spacing: inherit; line-height: inherit; margin-bottom: 0.8em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">W\u00e4hrend der ersten Lebensjahre Aftabs war Jahanara Begums Geheimnis sicher. Sie wartete darauf, dass sein M\u00e4dchenteil heilte, behielt ihn immer in ihrer N\u00e4he und besch\u00fctzte ihn entschlossen. Auch nachdem ihr j\u00fcngster Sohn Saqib geboren war, lie\u00df sie Aftab nicht weit von sich fort. Das war kein ungew\u00f6hnliches Verhalten f\u00fcr eine Frau, die so lange und verzweifelt auf einen Sohn gewartet hatte.<\/div>\n<\/blockquote>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Aftabs\/Anjums Los ist kein leichtes und der Leidensdruck w\u00e4chst stetig. In der Schule wird gespottet: \u201eEr ist eine Sie. Er ist kein Er und keine Sie. Er ist ein Er und eine Sie. Sie-Er, Er-Sie hi,hi,hi!\u201c Immer wieder veranschaulicht Arundhati Roy Anjums Zerrissenheit mit deutlichen Bildern: An ihrer Stimme: \u201e(\u2026) Dr. Mukhtars Pillen machten ihre Stimme weniger tief, beschr\u00e4nkten allerdings ihre Resonanz, ihr Timbre wurde rauer und seltsam kr\u00e4chzend, was manchmal klang, als w\u00fcrden zwei Stimmen miteinander streiten.\u201c An ihrer Haarfarbe: \u201eEs wuchs wei\u00df wie der Tod aus ihrem Kopf und wurde pl\u00f6tzlich auf halber H\u00f6he ihres Kopfes kohlrabenschwarz, so dass sie, nun ja \u2013 gestreift aussah.\u201c Bald kreist auch der Leser um Anjum. Man kann nicht anders, als sie gern zu haben.<\/div>\n<h2>Arundhati Roy ist eine gro\u00dfe Erz\u00e4hlerin<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\nArundhati Roy erz\u00e4hlt nicht nur, sie berichtet auch. Von religi\u00f6sen Konflikten, von politischen Konflikten. Konflikte, die jenseits der indischen Grenzen liegen, schwappen auf das Land \u00fcber. Der 11. September 2001 war ein verh\u00e4ngnisvoller Tag. Nicht nur f\u00fcr die USA, sondern f\u00fcr das Gleichgewicht der ganzen Welt. In den politischen Wirren, die Indien in den darauf folgenden Monaten und Jahren erlebt, \u00fcberlebt Anjum ein furchtbares Massaker. Sie \u00fcberlebt die blutige Raserei, denn in den Augen der \u201eSchl\u00e4chter\u201c bringt es Ungl\u00fcck eine Hijra zu ermorden. Wenige ruhige S\u00e4tzen gen\u00fcgen der gro\u00dfen Erz\u00e4hlerin Roy um das gro\u00dfe Grauen zu rekapitulieren:<\/div>\n<blockquote style=\"border-left-color: #dddddd; border-left-style: solid; border-left-width: 1px; box-sizing: inherit; font-family: Amiri, serif; font-size: 2.0304em; letter-spacing: 0px; line-height: 1.2; margin: 1.2em 1.5em; padding-left: 1.3em; quotes: &quot;' '&quot;;\">\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: inherit; font-size: inherit; letter-spacing: inherit; line-height: inherit; margin-bottom: 0.8em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Sie versuchte zu vergessen, was all den anderen angetan worden war \u2013 wie sie die M\u00e4nner gefaltet und die Frauen entfaltet hatten. Und wie sie sie schlie\u00dflich Glied um Glied auseinandergerissen und angez\u00fcndet hatten.<\/div>\n<\/blockquote>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">M\u00e4nner und Frauen, die \u201agefaltet\u2018 und \u201aentfaltet\u2018 werden. Roys Sprache wird in Momenten des tiefsten Schmerzes ganz einfach, nahezu schlicht, was den Effekt des Schreckens und gro\u00dfen Traurigkeit noch verst\u00e4rkt. Anjum ist traumatisiert, sie zieht sich vollkommen zur\u00fcck, verweigert \u00e4rztliche Hilfe und sucht Zuflucht dem Friedhof, auf dem sp\u00e4ter ihr G\u00e4stehaus und die Zuflucht f\u00fcr die Menschen entstehen wird, die Anjum ihre Geschichte erz\u00e4hlen werden.<\/p>\n<p>Roys Worte sind voller Poesie. Sowohl Gl\u00fcck als auch Leid beschreibt sie mit eindrucksvoller Metaphorik.\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Das Ministerium des \u00e4ussersten Gl\u00fccks<\/strong>\u00a0ist bunt, wild und voller Sch\u00f6nheit. Roys Sprachpoesie, wurde von Anette Grube, die bereits\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Der Gott der kleinen Dinge<\/strong>\u00a0\u00fcbersetzt hat, wunderbar ins Deutsche \u00fcbertragen.<\/p>\n<p><strong style=\"box-sizing: inherit;\">DAS MINISTERIUM DES \u00c4USSERSTEN GL\u00dcCKS<\/strong>\u00a0von\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">ARUNDHATI ROY<\/strong><br \/>\nS. FISCHER VERLAG. S. 560. 24 Euro.<br \/>\nGebunden mit Schutzumschlag.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-family: Raleway, sans-serif; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\">Vielen Dank an den S. Fischer Verlag f\u00fcr das Rezensionsexemplar!<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Roman von Arundhati Roy \u00bbDas Ministerium des \u00e4ussersten Gl\u00fccks\u00ab (S. Fischer) spielt erneut in Indien und ist so unvergesslich wie sein Vorg\u00e4nger. F\u00fcr Arundhati Roy bedeutete\u00a0Der Gott der kleinen Dinge\u00a0den internationalen Durchbruch als Schriftstellerin. 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