{"id":40,"date":"2017-08-21T10:19:00","date_gmt":"2017-08-21T08:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wp13410784.server-he.de\/?p=40"},"modified":"2020-12-21T11:39:05","modified_gmt":"2020-12-21T09:39:05","slug":"nero-der-blutige-dichter-von-deszo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ktinka.com\/?p=40","title":{"rendered":"Nero, der blutige Dichter von Desz\u00f6 Kosztol\u00e1nyi"},"content":{"rendered":"<div class=\"intro\" style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\n<p>W\u00e4hrend der Lekt\u00fcre von \u00bbNero, der blutige Dichter\u00ab, d\u00e4mmerte mir mehr und mehr welch eklatante Bildungsl\u00fccke sich vor mir auftat. Der Name Dezs\u00f6 Kosztol\u00e1nyi war mir bis zu jenem Nachmittag, an dem ich um die literarischen Neuerscheinungen in der Buchhandlung herumschlich, g\u00e4nzlich unbekannt. Es war das Cover des Buches, welches meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ebenso wie der Titel und der zu erwartende Inhalt. Das alte Rom wirkt wie ein Magnet auf mich.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><span class=\"dropcap\" style=\"box-sizing: inherit;\">D<\/span>er f\u00fcr mich gro\u00dfe Unbekannte mit dem Namen\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Desz\u00f6 Kosztol\u00e1nyi<\/strong>\u00a0wurde 1885 in \u00d6sterreich-Ungarn geboren, er starb 1936 in Budapest. Kosztol\u00e1nyi, so verr\u00e4t die Autoreninfo, wurde als gro\u00dferer Erneuerer der ungarischen Literatur gefeiert. Er \u00fcbersetzte gro\u00dfe Namen wie Shakespeare, Oscar Wilde, Heinrich Heine und auch Thomas Mann ins Ungarische. Der Klappentext, der unl\u00e4ngst im\u00a0<a style=\"box-sizing: inherit; color: #f5c7b8; font-weight: bold; text-decoration: none; transition: all 0.1s ease-in-out;\" href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/hardcover\/dezsoe-kosztolanyi-nero.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Rowohlt Verlag erschienen Ausgabe<\/a>, geizt nicht mit Superlativen: Kosztol\u00e1nyis Romane\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">NERO<\/strong>\u00a0und \u00bbEin Held seiner Zeit\u00ab z\u00e4hlten zur Weltliteratur und Kosztol\u00e1nyi sei, so wird ein Rezensent des Romans zitiert, \u201eder ungarische Thomas Mann.<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\"><b style=\"box-sizing: inherit;\">Nero<\/b>. Gibt es einen bekannteren r\u00f6mischen Kaiser? Mit Ausnahme von Julius Caesar vielleicht? Nero ist ber\u00fchmt und ber\u00fcchtigt. Allerhand wird im nachgesagt. Rom soll er angez\u00fcndet haben, um Platz f\u00fcr den Bau seines \u2013 selbst f\u00fcr r\u00f6mische Ma\u00dfst\u00e4be \u2013 gigantischen Palasts, die Domus Aurea, zu schaffen. Ob es Nero belustigt h\u00e4tte, dass er Namenspate des legend\u00e4ren Brennprogramms\u00a0<span style=\"box-sizing: inherit; font-style: italic;\">Nero Burning Rom<\/span>\u00a0wurde? Die antiken Quellen, etwa Sueton und Tacitus, sprudeln \u00fcber mit Erz\u00e4hlungen von Schandtaten begangen von dem Mann, der von 54 bis zu seinem Selbstmord 68 die Geschicke des gewaltigen r\u00f6mischen Imperiums lenkte. Eine l\u00e4cherliche Figur sei er gewesen, ein geradezu Wahnsinniger. Ein untersetzter rothaariger Mann, der sich zum Dichter berufen f\u00fchlte. Mild in den ersten Jahren seiner Regentschaft, blutdurstig in seinen letzten Jahren. Er soll mit gro\u00dfer Brutalit\u00e4t Christen verfolgt haben. Er soll seinen Stiefbruder, seine Mutter, seine Ehefrau und zahllose weitere Menschen ermordet haben. So die Chronisten. \u00dcber die Frage, was davon stimmt, streiten die Historiker.<\/div>\n<h2>NERO, ein K\u00fcnstlerroman<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\nDezs\u00f6 Kosztol\u00e1nyi hat die Quellen, die von Nero berichten, offenkundig sorgf\u00e4ltig gelesen. Dennoch er hat den Stoff zu einem eigenst\u00e4ndigen Werk geformt.\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Nero, der blutige Dichter<\/strong>\u00a0ist kein klassischer historischer Roman. Es ist ein K\u00fcnstlerroman, denn im Zentrum steht Neros unb\u00e4ndiger Wunsch Dichter zu werden. Gegen alles lateinisch-milit\u00e4rische hegt der junge Mann eine Abneigung. Seine Liebe gilt Griechenlande, der griechichen Kunst. Er m\u00f6chte K\u00fcnstler sein, um jeden Preis.<\/p>\n<p>Wer das Literarische mag, so wie ich, dem sei Kosztol\u00e1nyis Roman sehr ans Herz gelegt. Seine Sprache ist kristallklar und dennoch stark poetisch aufgeladen. Neben langen, verschachtelten Satzgebilden stehen abhakte, kurze und knappe S\u00e4tze. Es scheint, als spiegele die Syntax das Wesen Neros: seine Wechselhaftigkeit, seinen Hang zur Poesie zum einen und seine brutale H\u00e4rte zum anderen.Die Beschreibung von Neros erstem Auftritt als Dichter vor Publikum kommt einer Groteske gleich. Er besitzt, das attestieren s\u00e4mtliche Figuren des Romans, kein Talent und das r\u00f6mische Publikum ist als gnadenlos. Buhrufe und Schm\u00e4hungen an den r\u00f6mischen Kaiser gerichtet sind jedoch undenkbar und m\u00fcssen verhindert werden. Um ein Desaster zu vermeiden wird das Publikum sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt, Soldaten werden in die Reihen gestellt, und der Applaus, bei dem es auf den richtigen Einsatz, die richtige Intensit\u00e4t und die richtige L\u00e4nge ankommt, wurde zuvor gewissenhaft geprobt.<\/p>\n<\/div>\n<h2>Das alte Rom und all seine (realhistorischen) Figuren<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\nDas Personal des Roman besteht (wie k\u00f6nnte es nicht) aus altbekannten Namen der r\u00f6mischen Antike: Claudius, dessen Erbe als Kaiser Roms Nero zu Beginn des Romans antreten muss. Agrippina, Neros machtbesessene Mutter, Octavia, seine sch\u00f6ne, jedoch ungeliebte Ehefrau. Eine prominente Rolle kommt Seneca, dem auch heute noch ber\u00fchmten Rhetoriker und Mentor Neros zu.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung tr\u00e4gt den Leser wie durch einen Traum. Pr\u00e4zise Zeitangaben fehlen g\u00e4nzlich, allein der Wechsel von Tag und Nacht strukturiert den Roman. Die Wettermetaphorik Kosztol\u00e1nyis fand ich grandios, die dr\u00fcckende Schw\u00fcle, das nahende Gewitter, das doch nicht kommt, oder:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote style=\"border-left-color: #dddddd; border-left-style: solid; border-left-width: 1px; box-sizing: inherit; font-family: Amiri, serif; font-size: 2.0304em; letter-spacing: 0px; line-height: 1.2; margin: 1.2em 1.5em; padding-left: 1.3em; quotes: &quot;' '&quot;;\">\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: inherit; font-size: inherit; letter-spacing: inherit; line-height: inherit; margin-bottom: 0.8em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Der Ozean br\u00fcllte ohnm\u00e4chtig zu F\u00fc\u00dfen des Palastes, schnappte nach den Marmorstufen, sprang sogar auf obersten, best\u00fcrmte die Mauer. Zackige Wellen jagten hintereinanderher, wei\u00dfgeschuppt. Eine Welle, die bis zum Eingang der Villa emporscho\u00df, zerst\u00e4ubte an der S\u00e4ule und spritzte einer Satyrstatue ins Gesicht, die, ein angeheiterter Schelm mit Weinschlauch, Wache stand und nun, gleichsam ekelgesch\u00fcttelt, aus Mund und Nase das salzige Wasser pustete. Alles bewegte sich. Die oben standen, mit \u00fcbern\u00e4chtigtem Gesicht, erweckten den Eindruck, als w\u00fcrden sie auf einem sturmgepeitschten Schiff geschaukelt und w\u00e4ren seekrank.<\/div>\n<\/blockquote>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Geschickt l\u00e4sst Kosztol\u00e1nyi Nero einen Vergleich zwischen seinem Leben und dem antiken Trag\u00f6digenstoff der Orestie ziehen. Tats\u00e4chlich steht das Leben Neros dem Stoff einer antiken Trag\u00f6die in Nichts nach. Durch die Intrigen seiner machthungrigen Mutter und dem Mord an ihrem Ehemann Claudius wurde Nero zum Kaiser. Er lud selbst, w\u00e4hrend seines kurzen Lebens, viel Schuld auf sich. Zum Dichter geboren, zum Kaiser gemacht. So s\u00e4he Nero sich wohl selbst.<\/div>\n<h2>Nero zwischen Dichtkunst und Raserei<\/h2>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">\nBei allem Wahnsinn, aller Raserei und aller Grausamkeit weckt Nero im Leser mitunter auch Sympathie. Oder doch zumindest Mitleid oder Mitgef\u00fchl. Er ist umgeben um Lug und Trug. Er ist gequ\u00e4lt von Selbstzweifeln, gequ\u00e4lt auch von seinem Gewissen. Die Morde, die er begangen hat, zerm\u00fcrben ihn. Die Menschen um ihn herum versuchen ihn fortw\u00e4hrend zu manipulieren. Allen voran seine Mutter, seine Geliebte Poppaea, aber auch Seneca. Senecas Rolle im Roman ist, \u00fcbereinstimmend mit den historischen Quellen, ungewiss. Am Ende wenden sich all die Einfl\u00fcsterungen gegen die Manipulatoren selbst.\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">Neros<\/strong>\u00a0andere Seite: Wenn er gl\u00fccklich ist, sollen es die Menschen um ihn herum auch sein. Er lobt andere Dichter, tr\u00f6stet sie und versucht sie nach ihrer vermeintlichen Niederlage aufzuheitern. Er kann gro\u00dfz\u00fcgig sein, regelrecht wohlwollend. Neben sich duldet er jedoch niemanden. Immer mehr verf\u00e4llt er dem Wahnsinn.<\/p>\n<p>Der Roman endet mit Neros Selbstmord. Seine Amme h\u00e4lt seinen Leichnam in den Armen und erz\u00e4hlt von seiner Kindheit. So endet der Roman gewisserma\u00dfen mit dem Anfang und in dem Kind Nero erkennt der Leser den erwachsenen Mann Nero:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote style=\"border-left-color: #dddddd; border-left-style: solid; border-left-width: 1px; box-sizing: inherit; font-family: Amiri, serif; font-size: 2.0304em; letter-spacing: 0px; line-height: 1.2; margin: 1.2em 1.5em; padding-left: 1.3em; quotes: &quot;' '&quot;;\">\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: inherit; font-size: inherit; letter-spacing: inherit; line-height: inherit; margin-bottom: 0.8em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Aber spielen, das tat er gerne. Pflegte mit Wagen zu spielen. Strich sie gr\u00fcn und blau an. War oft die gr\u00fcne Partei. Und auch ins Theater ging er gerne.<\/div>\n<\/blockquote>\n<div style=\"box-sizing: inherit; color: #333333; font-family: Cardo; font-size: 18px; letter-spacing: 1px; line-height: 1.5; margin-bottom: 1.4em; margin-top: 21px; padding-left: 8px; padding-right: 10px;\">Dem Rowohlt Verlag geb\u00fchrt gro\u00dfer Dank f\u00fcr die Neuauflage dieses Buches. Mir ist Dezs\u00f6 Kosztol\u00e1nyi zum Gl\u00fcck kein Unbekannter mehr und sein zweiter Roman \u00bbEin Held seiner Zeit\u00ab kommt auf meine Leseliste.<\/p>\n<p><strong style=\"box-sizing: inherit;\">NERO, der blutige Dichter<\/strong>\u00a0von\u00a0<strong style=\"box-sizing: inherit;\">DEZS\u00d6 KOSZTOL\u00c0NYI<\/strong><br \/>\nROWOHLT VERLAG. 336 Seiten. 24 Euro.<br \/>\nGebunden mit Schutzumlag.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"box-sizing: inherit; font-size: 16px; letter-spacing: 1px; text-align: center;\"><span style=\"font-family: inherit;\">Vielen Dank an den Rowohl Verlag f\u00fcr das Rezensionsexemplar!<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der Lekt\u00fcre von \u00bbNero, der blutige Dichter\u00ab, d\u00e4mmerte mir mehr und mehr welch eklatante Bildungsl\u00fccke sich vor mir auftat. 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