Die allertraurigste Geschichte von Ford Madox Ford

DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE,  jenes Buch, das Ford Madox Ford an seinem 40. Geburtstag niederschrieb, „um zu zeigen, was er konnte“, erreichte mich im Herbst des letztes Jahres. Ford Madox Ford erfuhr, so Julian Barnes in seinem Nachwort, zeitlebens nicht die Würdigung, die sein literarisches Schaffen verdient hätte. Ich habe gute sechs Monate für das Auslesen des Romans gebraucht. Heute habe ich die letzten Kapitel gelesen und möchte mich vor Ford Madox Ford verneigen. DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE ist ein Buch, das ich sicher nicht mehr vergessen werde.


Als ich vergangenes Jahr die Neuerscheinungen des Diogenes Verlag durchstöberte, stieß ich auf DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE und wurde neugierig. Ich hatte, ich gestehe es offen, noch nie von Ford Madox Ford gehört. Ein Buch jedoch, das bereits 1915 erstmals unter dem Titel THE GOOD SOLDIER in England erschienen war, und nun, mehr als 100 Jahre später (in wunderschönem Leinengewand) neu aufgelegt wurde, machte mich neugierig.

Ford Madox Ford erzählt eine höchst subtile Geschichte

Oh dear, what is going on here? Die ersten Seiten des Romans erwiesen sich als schwierig. Als äußerst schwierig. Es fühlte sich an, als hätte ich in meinem Leben noch kein Buch gelesen. Ich fand nicht hinein, in die Erzählung von der Erzählerfigur John Dowell. Ich wusste nicht, worauf er hinaus will, worauf die Geschichte hinauslaufen sollte. Ich brach die Lektüre ab. Begann sie wieder. Brach sie wieder ab. Immer wenn ich mich hinsetzte um Ford Madox Ford zu lesen, so weiß ich heute, prallten Welten aufeinander. Ich, die ich meine Lesegewohnheiten über Monate hinweg schändlich vernachlässigt hatte, und Mr. Ford, der ein Meisterwerk geschrieben hat, das sich das sich einfach nicht für ein schnelles Lesevergnügen eignet.

DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE: Ein Katz und Maus Spiel

DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE ist ein Buch, so tief wie der Ozean. Worum es geht? Um die meist thematisierte Sache der Welt: die Liebe. Im Klappentext heißt es: „Am Vorabend des Ersten Weltkriegs verbringen die Ehepaare Ashburnham und Dowell alljährlich glückliche Tage in Bad Nauheim. Erst nach dem Tod seiner Frau entdeckt John Dowell, dass der Schein in all den Jahren getrogen hat, und er beginnt, den wahren Charakter seiner Frau zu erkennen.“ Ich möchte hinzufügen: Und nicht nur das. Obwohl die Lektüre mir abverlangte, was ich verlernt zu haben schien, (Konzentration), war da ein Gefühl, das mich das Buch nie ganz aufgeben lies. Nabokov beschrieb es als „tingling in the spine“, das dem Leser verrät, dass er ein gutes Buch in den Händen hält. Ich zwang mich dreißig Seiten am Stück zu lesen. (Ja, so schlimm stand es um meine Lesegewohnheiten.) Und siehe da, ehe ich mich versah, riss mich die Geschichte mit.

DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE verbirgt viele Geheimnisse und Untiefen. Es kursieren viele Theorien über das, was John Dowell vielleicht nicht sagt, über das, worüber er vielleicht lügt.  Ich kann es kaum erwarten, irgendwann genügend Zeit für die ausgiebige Lektüre von Sekundärliteratur zu haben. Es geht in diesem Buch nicht so sehr um das, was erzählt wird, sondern darum, wie es erzählt wird. Ford Madox Ford hat ein Meisterwerk geschrieben und mich damit wieder zum intensiven Lesen gebracht. Ich kann das Buch jedem nur an Herz legen, der große Literatur wirklich liebt.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

DIE ALLERTRAURIGSTE GESCHICHTE von FORD MADOX FORD.
Gebunden mit Lesebändchen und Schuber.
320 Seiten. 29 Euro.

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